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Achtung: Gasmangellage!

In der Krisenmanagementübung LÜKEX 18 erproben Bund und Länder die schnelle Reaktion auf eine Gasunterversorgung in Deutschland.

Die Erdgasversorgung in Deutschland gilt als diversifiziert und sicher. Peter Franke, Vizepräsident der Bundesnetzagentur (BNetzA), berichtet: „Die Versorgungssicherheit in der deutschen Gasversorgung ist sehr hoch. 2017 wurde der zweitniedrigste Ausfallwert seit 2006 gemessen – 0,988 Minuten.“ Der Bund bezieht sein Gas heute überwiegend aus Russland, den Niederlanden, Norwegen, Dänemark und zu einem Anteil von sieben Prozent aus der eigenen Produktion. Der überregionale und auch grenzüberschreitende Gastransport erfolgt hierzulande über ein insgesamt etwa 40.000 Kilometer langes Fernleitungsnetz durch Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) wie der Open Grid Europe GmbH, die selbst 12.000 Kilometer des Versorgungsnetzes betreibt. Für die Speicherung des Rohstoffs sind derzeit 50 Erdgasspeicher in Deutschland im Betrieb, wie aus Angaben des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie Niedersachsen hervorgeht.

„Die aktuell in Deutschland betriebenen Erdgasspeicher haben ein Arbeitsgasvolumen von knapp 25 Milliarden Kubikmetern. Damit lässt sich rund ein Viertel des durchschnittlichen Gasverbrauchs in Deutschland decken“, erklärt Peter Franke auf der Pressekonferenz zur LÜKEX 18. Zusätzlich befinden sich fünf Kavernenspeicher in Planung oder Bau. Sie umfassen zusätzlich ein Arbeitsgasvolumen von 3,5 Milliarden Kubikmetern, sodass im Fall einer Realisierung aller gemeldeten Projekte langfristig ein Arbeitsgasvolumen von 27,8 Milliarden Kubikmetern verfügbar sein wird, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) und die BNetzA angeben. Aber: Wie lange sie zur Versorgung beitragen können, hängt im Wesentlichen von den Rahmenbedingungen ab, also zum Beispiel von den Füllständen zum benötigten Zeitpunkt und Umweltbedingungen wie Temperatur, die auf die Nachfrage nach Erdgas wirken.

Foto: sig Media GmbH & Co. KG

Die LÜKEX 18 setzt an diese Rahmenbedingungen an. Die achte länder- und ressortübergreifende Krisenmanagementübung zielt primär auf die Verbesserung der Zusammenarbeit strategischer Entscheidungsebenen ab. Die Übung findet als simulierte nationale Krise bundesweit an den tatsächlichen Standorten der jeweils betroffenen Beteiligten statt. Die Zentrale Übungssteuerung befindet sich beim BBK an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Von dort und aus den Dezentralen Übungssteuerungen vor Ort in den Ländern wird die LÜKEX 18 gesteuert. Die Gesamtleitung obliegt dabei dem zuständigen Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) gemeinsam mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), den weiteren beteiligten Bundesressorts und Bundesbehörden sowie den entsprechenden Entscheidungsträgern der Länder. Mit der Gesamtkoordinierung der Übung ist die PG LÜKEX Bund in der Zentralen Übungssteuerung beauftragt.

Winterperiode 2012 gibt thematischen Schwerpunkt

LÜKEX-Übungen werden seit 2004 im zweijährigen Turnus als Antwort auf die Schwierigkeiten im Krisenmanagement des Elbhochwassers 2002 durchgeführt, wie Christoph Unger, Präsident des BKK, erklärt. „Beim Elbhochwasser 2002 hat sich gezeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen Behörden einer enormen Verbesserung bedarf.“ Seit 2004 widmen sich die LÜKEX-Übungen verschiedenen Themen des Krisenmanagements, wie großflächigen Stromausfällen, weltweiten Pandemien, massiven Cyber- Attacken oder Terroranschlägen. 2009 wurde LÜKEX mit § 14 des Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetzes (ZSKG) auch gesetzlich verankert. Das Thema „Gasmangellage“ für die Übung 2018 wurde im Hinblick auf die Auswirkungen der Kälteperiode Anfang 2012 mit einem Szenario in den Fokus gerückt. Katrin Flinspach, Geschäftsführerin bei der terranets bw GmbH, berichtet: „Anlass des Übungs-Szenarios war die extreme Winterperiode im Februar 2012, die sich über 14 Tage erstreckte. Die Auslastung des deutschen Gasnetzes war sehr hoch, die Gas-Einspeisung dagegen gering, sodass es zu einer Gassenke kam.“ Als wichtigster Versorger Baden-Württembergs mit einem Fernleitungsnetz von 2.000 Kilometern stand terranets bw vor einer Versorgungsherausforderung. „Wir konnten die Situation beherrschen. Sie war aber anspruchsvoll“, kommentiert Flinspach. Die Versorgung der Bevölkerung sei stets gesichert gewesen. Allerdings habe terranets bw Industriekunden, die über alternative Energiequellen verfügen, in dieser Situation vom Netz nehmen müssen. „Das geschah im Rahmen der mit den Kunden geschlossenen Abschaltverträge“, sagt Flinspach. Um die Versorgung zu gewährleisten, war eine intensive Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Netzbetreibern – Fernleitungs (FNB)- wie Versorgungsnetzbetreiber (VNB) – notwendig, erklärt sie weiter. Das habe nicht nur den Gasbereich, sondern auch die Stromproduzenten betroffen, die ihre Energie über Gaskraftwerke erzeugen. Der gesamte Kommunikationsprozess sei im Nachhinein analysiert worden, um das Krisenmanagement sowie die Marktkommunikation mit nachgelagerten Netzbetreibern zu verbessern. Dafür wurden beispielsweise Leitfäden entwickelt. Dr. Matthias Jenn, Geschäftsführer der bayernets GmbH, betont: „Das übergeordnete Stichwort ist In der Krisenmanagementübung LÜKEX 18 erproben Bund und Länder die schnelle Reaktion auf eine Gasunterversorgung in Deutschland. die Versorgungssicherheit in Deutschland. Wir sind ein Industrieland, das enorm auf eine sichere Versorgung mit Energie angewiesen ist.“

LÜKEX 18 hat sich die Situation 2012 als Ausgangspunkt für sein Szenario genommen. In der Übung wird von einer besonders kalten und langen Winterperiode ausgegangen. Eine polare Kaltfront sorgt für Temperaturen bis zu minus 25 Grad Celsius. Die Füllstände der Gasspeicher sinken in Folge der anhaltenden extremen Wetterbedingungen. Weitere technische, wirtschaftliche und wetterbedingte Faktoren wie Ausfälle an Grenzübergangspunkten führen zu einem zunehmenden Gasengpass. „Das Szenario ist realistisch und in sich konsistent aufgebaut“, sagt Unger vom BKK. „Ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren, die ein solches Worst-Case-Szenario darstellen, ist sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Wir verfolgen hier den All-Hazards-Ansatz.“ Mit diesem Ansatz soll die LÜKEX das Spektrum aller potenziellen Bedrohungen in der Sicherheitsvorsorge abdecken. In der Übung, deren Höhepunkt am 28. und 29. November 2018 stattfand, waren durch Reduzierung oder Abschaltung der Gaszufuhr, neben Industriekunden, vereinzelt Heiz- und Stromkraftwerke, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und die Lebensmittelindustrie wie auch die Bevölkerung betroffen.

Übung von D wie Dispatching bis K wie Kommunikation

In der Übung LÜKEX 18 wird das Worst-Case-Szenario einer Gasmangellage thematisiert. Sie soll die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten in einer solchen Situation verbessern. Foto: BKW/Bernd Lammel

„Die eigentliche Übung ist in zwei Thementage gesplittet. Zum einen widmet sie sich den Gasversorgern und dem Dispatching. Zum anderen dem Bevölkerungsschutz, wie etwa unter Einbindung des THW, der Rettungskräfte und Feuerwehren“, erklärt Christoph Unger. Das konzipierte Szenario tangiert damit neben den betroffenen Ministerien und Behörden sowohl das Krisenmanagement der Gasbranche als auch des Bevölkerungsschutzes. Deren Kommunikation und Entscheidungsfindung sollte mit LÜKEX 18 geübt und verbessert werden. Die Gaswirtschaft beziehungsweise die nach Feststellung der Notfallstufe für die Lastverteilung zuständige Bundesnetzagentur müssen beispielsweise entscheiden, wo der Gasverbrauch reduziert werden muss, damit die geschützten Kunden – Haushalte – möglichst lange mit dem lebenswichtigen Gasbedarf versorgt werden können. Da ab einem gewissen Zeitpunkt des Worst-Case-Szenarios die Versorgung der geschützten Kunden dennoch nicht mehr vollständig möglich ist und die Bevölkerung direkt durch den Ausfall von Heizung und Warmwasser betroffen ist, steht der Bevölkerungsschutz ebenso im Fokus wie Ministerien und Gasbranche. Der Bevölkerungsschutz muss sich mit Fragen nach Evakuierungsstandorten, Unterbringungsmöglichkeiten und Auswirkungen auf Staats- und Regierungsfunktionen, das Gesundheitswesen und die Lebensmittelproduktion auseinandersetzen. Insgesamt wird das Szenario so gestaltet, dass hochrangiger und weitreichender Entscheidungsbedarf in den jeweils zuständigen öffentlichen und privaten Krisenmanagementstrukturen entsteht. LÜKEX 18 beübt dabei erstmals auch das Energiesicherungsgesetz (EnSiG) und das Verkehrsleitungsgesetz (VerkLG).

Neben der Verbesserung des Zusammenspiels von Bund und Ländern auf dem Gebiet des strategischen Krisenmanagements spielt die Kommunikation in und über die Lage eine entscheidende Rolle bei der Übung. Sie soll ebenso gezielt geübt werden wie Entscheidungsfindungen und Informationsaustausch zwischen den Krisenstäben. Nur wenn die Bevölkerung über zielgruppengenaue Medien und Kanäle schnell, überzeugend und kompetent informiert wird, kann Vertrauen in das staatliche Krisenmanagement entstehen. Deshalb wird bei der Übung LÜKEX 18 von den teilnehmenden Stäben als Ziel eine fiktive aber aktive Medienund Öffentlichkeitsarbeit während der Krise erwartet, heißt es seitens des BBK und der BNetzA. Die Zentrale Übungssteuerung richte zu diesem Zweck ein fiktives „Nationales Medienzentrum“ (NMZ) ein. Dort reagieren aktive Journalistinnen und Journalisten sowie Kommunikationsexpertinnen und -experten unterschiedlicher Mediengattungen während der Durchführung beispielsweise auf Pressemitteilungen der Beteiligten und produzieren laufend fiktive Medienmeldungen. Sie stellen zudem Anfragen an Pressestellen und reagieren mit ihren Berichten auf die Szenario-Entwicklung, sodass das Medienspiel das Übungsgeschehen aktiv vorantreibt.

Handlungssicherheit durch LÜKEX

Foto: BKW/Bernd Lammel

„Ein Gasmangel entwickelt sich über eine bestimmte Zeit. Es ist nicht wie beim Szenario eines Blackouts, bei dem der Strom auf einen Schlag fehlt“, berichtet Christoph Unger und verweist auf die Rolle des Dispatching in einer aufkommenden Gasmangellage. Auf der Pressekonferenz zur LÜKEX 18 führte der Fernleitungsnetzbetreiber Open Grid Europe in die Aufgaben des Dispatching ein, das am ersten Tag der Übung im Fokus stand. In der Schaltzentrale des FNB zeigten Mitarbeiter, welche Stellschrauben bei der Gasversorgung gedreht werden und wie auf verschiedene Situationen am Gasmarkt und bei der Versorgung reagiert wird. Auf der Kommandobrücke der OGE arbeiten mehr als 40 Mitarbeiter schichtweise rund um die Uhr. Per Mausklick am Computer werden Millionen Kubikmeter Erdgas in Bewegung gesetzt. Die Steuerungszentrale arbeitet gleichzeitig auch als Sicherheitszentrale, denn die Netzüberwachung ist für den sicheren Betrieb des Gasnetzes von zentraler Bedeutung. Dr. Dietrich Weise, Leiter der Dispatching-Zentrale bei der OGE, berichtet: „Es herrscht eine sehr intensive Teamarbeit, die wesentlich für eine jede Zentrale solcher Art ist. Wir haben ein entsprechendes Bereitschaftsmanagement für Störungssituationen, sodass wir, wenn wir ein solches Ereignis haben, schnellstens reagieren können.“ Im Rahmen der LÜKEX 18 wurden die Mitarbeiter der OGE wie auch insgesamt 2.500 Teilnehmer aktiv eingebunden. „Wir leisten damit einen wichtigen Beitrag für das nationale Krisenmanagement in Deutschland“, sagt Christoph Unger. „Die LÜKEX gibt den handelnden und übenden Teilnehmenden größere Handlungssicherheit für mögliche Krisen.“

Auswertungsbericht mit Handlungsempfehlungen

Die Übungsauswertung im Anschluss an die beiden Übungstage orientiert sich an den vorab vereinbarten Übungszielen. Diese sind in Grob- und Feinziele aufgeteilt, wobei die Feinziele die Grobziele konkretisieren. Als Teile wichtiger Übungsziele werden unter anderem das Zusammenwirken von Bund und Ländern auf dem Gebiet des strategischen Krisenmanagements, die Koordinierung von Krisenmanagementmaßnahmen zwischen öffentlicher Verwaltung, privaten Unternehmen, Verbänden und Einrichtungen der Kritischen Infrastrukturen sowie Hilfsorganisationen evaluiert. Ebenso fließen in die Gesamtauswertung sowohl die interne und externe Krisenkommunikation, als auch Aspekte des psychosozialen Krisenmanagements ein. Hinzu kommt die Überprüfung von Meldeverfahren und der Zusammenführung von Informationen zu länder- und bereichsübergreifenden Lagebildern. Nicht zuletzt werden Zusammenwirken, Informationsaustausch und Maßnahmenkoordination zwischen den Krisenstäben der zuständigen Bundesressorts und deren nachgeordneten Fachbehörden betrachtet. Die Auswertung der gesamten Übung umfasst dabei nicht nur die Übungsdurchführung an sich, sondern zusätzlich die Planungs- und Vorbereitungsphase der LÜKEX 18. Im Anschluss an die beiden Übungstage werden die gewonnenen Erkenntnisse durch die beteiligten Akteure in Erfahrungsberichten festgehalten, die in einem Auswertungsworkshop gemeinsam diskutiert werden. Aus den Ergebnissen des Workshops erstellt das BBK einen zentralen Auswertungsbericht als gemeinsames Produkt aller Übungsbeteiligten. In diesem Bericht werden Handlungsempfehlungen zur Optimierung des ressort- und länderübergreifenden Krisenmanagements in Deutschland aus den identifizierten Beobachtungen und Erkenntnissen abgeleitet. Mit der Vorlage des Auswertungsberichts, der nach Auskunft des BBK als presseoffene Version voraussichtlich Mitte Mai 2019 verfügbar sein wird, endet der Übungszyklus der LÜKEX 18. (vb)

Kontakt: Projektgruppe LÜKEX Bund, 53127 Bonn, Tel.: +49 (0) 228-99550 -5610 / -5611, luekex.info@bbk.bund.de

Der Notfallplan Gas

Der „Notfallplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) beschreibt Schritte und Maßnahmen, die im Falle einer Störung der Erdgasversorgung anzuwenden sind. Der Notfallplan Gas wurde vom BMWi zusammen mit der Gaswirtschaft und der Bundesnetzagentur (BNetzA) erstellt und folgt den Anforderungen der SoS-VO Verordnung (EU) Nr. 2017/1938 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. Oktober 2017 über Maßnahmen zur Gewährleistung der sicheren Gasversorgung und zur Aufhebung der Verordnung (EU) Nr. 994/2010. Sobald sich eine Störung der Erdgasversorgung abzeichnet, wird das im Notfallplan festgelegte Krisenteam Gas einberufen, an dem Vertreter der Länder, des Bundes und der Gaswirtschaft teilnehmen. Ebenfalls im Notfallplan Gas sind drei Krisenstufen festgehalten, die je nach Bewertung der Situation festgestellt werden und unterschiedliche Folgemaßnahmen beziehungsweise Zuständigkeiten nach sich ziehen: Frühwarnstufe, Alarmstufe und Notfallstufe. Die Festlegung der Notfallstufe erfolgt gemäß §3 EnSiG (Energiesicherungsgesetzt) durch Verordnung der Bundesregierung und wird im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Damit wird die BNetzA zum Bundeslastverteiler und ihr obliegt die Lastverteilung. Sie kann dann per Verfügung Maßnahmen durchsetzen, um die Deckung des lebenswichtigen Bedarfs an Energie zu sichern und damit auch die Auswirkungen einer Gasmangellage auf die Bevölkerung möglichst gering halten. (vb)