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Krisenportal-Gas startet

Am 1.4. startet das Krisenportal Gas. Sieben Fernleitungsnetzbetreiber haben das Gemeinschaftsprojekt in Auftrag gegeben. Implementiert hat die Anwendung das IT-Systemhaus Geomagic.

Im Jahr 2014 hatten die Branchenverbände BDEW, VKU und GEODE einen Leitfaden zur Krisenvorsorge Gas veröffentlicht. Dort wurde geregelt, welche Kommunikationswege zwischen den beteiligten Marktpartnern im Gas-Bereich eingehalten werden müssen, um die Transparenz der Versorgungslage im Krisenfall zu gewährleisten und so die Krisenbewältigung nachhaltig zu verbessern.

Nachfolgend haben sieben Ferngasnetzbetreiber ein Gemeinschaftsprojekt zur Realisierung eines Portals in Auftrag gegeben, das den Leitfaden in die Praxis überträgt. Beteiligt sind Gasunie Deutschland Transport Services GmbH, GASCADE GmbH, GTG Nord GmbH, nowega GmbH, Ontras GmbH, terranets bw GmbH und Thyssengas GmbH. Am 1. April soll das Portal live gehen. Dieses Portal, erstellt von dem Leipziger IT-Dienstleister Geomagic, regelt die Kommunikation von Gasnetzbetreibern, Speicherbetreibern, Erdgas- und Biogasproduzenten im Fall von Versorgungsengpässen.

Auslöser Kältewelle

Foto: EWE Aktiengesellschaft

Januar 2012: Über Wochen strömte arktische Kaltluft nach Zentraleuropa und ließ die Temperaturen in den zweistelligen Minusbereich purzeln. Die Gasspeicher leerten sich zunehmend. Was in Deutschland kaum vorstellbar war: Lieferausfälle wurden angekündigt. Die Gas-Branche musste Antworten erbingen: Drohte ein Engpass für die Bevölkerung? Würde das Gas wirklich so knapp werden, dass die Notfallstufe ausgerufen werden müsste? Gasnetzbetreiber, Speicherbetreiber, Erdgas- und Biogasproduzenten kannten nur ihre jeweils spezifische Sicht auf die Gasvorräte, aber niemand hatte den Gesamtüberblick. Insbesondere in Süddeutschland, im Marktgebiet der NetConnect Germany, war die Situation kritisch. IT-Behelfsmittel wie der Austausch von Excel-Tabellen oder Listen sorgten eher für Desinformation als für Transparenz. In der Krisensituation fehlte es in der Folge an Kommunikation. Die Krisenlage war unübersichtlich, ein komplettes Bild nicht zu erhalten.

Der deutsche Erdgasmarkt ist durch ein im internationalen Vergleich außerordentlich hohes Niveau der Gasversorgungssicherheit gekennzeichnet. Doch der Februar 2012 sorgte für ein Umdenken in der nationalen und internationalen Politik. Als ein Ergebnis entwickelten die Branchenverbände dann im Jahr 2014 einen Leitfaden zur Krisenvorsorge Gas, in dem die Realisierung eines Krisenportals vorgesehen ist. Die Idee: Prozesse, Kommunikationswege und Informationspflichten für Netzbetreiber auf verschiedenen Ebenen sollten in der firmenübergreifenden Applikation kanalisiert werden. Das Portal soll also als zentrale Plattform dienen und als eine Kommunikations- und Berichtsdrehscheibe für Notfallsituationen fungieren. Es legt klar definierte Kommunikationswege zwischen den beteiligten Marktpartnern fest. Dispatcher sollen so einen schnellen, intuitiven Überblick zur Versorgungslage bekommen. Konkret soll es Abschalt- und Einspeisepotentiale zum aktuellen Krisenzeitpunkt vollkommen transparent anzeigen.

Foto: Geomagic GmbH

Der Vorteil eines solchen zentralen Plattformkonzeptes ist es auch, dass alle Aktivitäten mit einfachen Mitteln rechtssicher protokolliert und archiviert und Stammdaten zentral aktualisiert werden. In der zuvor bestehenden dezentralen Struktur konnte dies aufgrund des hohen Aufwands nicht systematisch durchgeführt werden. Jörg Kreher, Project Manager Emergency Management von der Gasunie ist sich sicher: „Das Krisenportal ist ein wichtiger Schritt, Situationen wie einer Gasmangellage in Zukunft professionell zu begegnen.“ Das Leipziger Unternehmen Geomagic ist als IT-Dienstleister für Implementierung und Betrieb des Systems verantwortlich, die Unternehmensberatung Paatz Scholz van der Laan unterstützte bei der Entwicklung des Projektes.

Anspruchsvolles Projektmanagement

Der Weg zu einem solchen firmenübergreifenden System ist naturgemäß komplex. Die Herausforderung an das Portal bestand unter anderem darin, die im Leitfaden definierten Kommunikationswege und Informationspflichten in eine koordinierte und klar definierte Struktur zu übersetzen. Grundlage dafür waren die Paragraphen §16 und §16a des Energiewirtschaftgesetzes. Doch die Implementierung eines solchen Portals ist mehr als die Implementierung von regulativen Vorgaben. Das Projektmanagement von Geomagic hatte die Aufgabe, alle Beteiligten auf dem Weg mitzunehmen, zu motivieren und die Kommunikation im Projekt zwischen allen Beteiligten zu koordinieren.

Die FNB nehmen eine zentrale Rolle ein, da sie an erster Stelle der Gasversorgungskette stehen. Der Leitfaden hat für sie nun auch den Status eines Regelwerks, denn das System funktioniert nur, wenn sich jeder verbindlich an die neuen Prozesse hält. Tritt eine Engpasssituation ein, müssen (beziehungsweise können) Netzbetreiber gemäß dem Leitfaden ihre angeschlossenen Marktpartner darüber informieren, welche Lastflüsse bestehen, welche Abschalt- beziehungsweise Einspeisepotentiale vorhanden sind und wie diese zu bewerten sind. Sie können die Marktpartner zu bestimmten Aktionen anweisen. Im Portal sind dazu abgestimmte Fahrweisen hinterlegt. So wird sichergestellt, dass auch in angespannter Krisensituation rationale Entscheidungen getroffen werden. Zur Sicherstellung der Revisionssicherheit werden alle krisenrelevanten Nutzereingaben sowie -aktivitäten chronologisch gespeichert.

Projektverlauf

Geomagic konnte sich im September 2017 für diesen Auftrag den Zuschlag sichern und ist aktuell zusammen mit den sieben Mitstreitern kurz vor der Ziellinie.

„Schon allein die Projektlaufzeit zeigt den Umfang und die Komplexität, die die Operationalisierung und Digitalisierung des Leitfadens mit sich bringen. Zudem muss die Bedienung des Portals, das nur im äußersten Notfall zum Einsatz kommt, ‚kinderleicht‘ sein. Das heißt zusammengefasst: eine intuitive und einfache Bedienung ist erforderlich“, beschreibt Projektleiter Golo Hoffmann. Es benötige eine Oberfläche, die funktional und trotzdem optisch ansprechend ist – optimalerweise bestehend aus nur einem Cockpit, welches den Dispatcher in einer Stresssituation optimal unterstützt und anleitet.

Demnach seien die Ansprüche an die designtechnische Umsetzung besonders hoch. Mit beteiligt war daher eine Agentur für visuelle Produktkommunikation, mit deren Unterstützung Design-, Navigations- und letztendlich auch das Farbkonzept in enger Absprache aller Beteiligten umgesetzt wurde.

Zunächst wird das Portal durch die sieben FNB und deren direkt nachgelagerten Netzbetreiber und die den FNB direkt angeschlossen Speicher- und Produktionsanlagenbetreiber genutzt. Später sollen weitere nachgelagerte Marktteilnehmer einbezogen werden, um die gesamte Gas-Lieferkette abzubilden. (sg)

Kontakt: GEOMAGIC GmbH, Golo Hoffmann, 04129 Leipzig, Tel. +49 (0) 341 711 1700, info@geomagic.world