Marktraumumstellung

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Die Umstellung von L-Gas auf H-Gas hat begonnen – ein Großprojekt für Versorger, Hersteller und Fachhandwerk.

Die abnehmende Verfügbarkeit von L-Gas („Low calorific gas“ mit niedrigem Brennwert) aus Quellen in Deutschland und den Niederlanden gehört zu den großen Herausforderungen der deutschen Gasversorgung. Vor diesem Hintergrund ist seit Mai 2015 eines der größten Infrastrukturprojekte im Gange: Die Gas-Umstellung von L-Gas auf H-Gas. Betroffen sind in der Summe etwa 30 Prozent aller gasbetriebenen Endgeräte in Deutschland in über 100 Netzgebieten.

Der überwiegende Teil der Bundesrepublik wird bereits seit mehreren Jahrzehnten zuverlässig mit H-Gas („High calorific gas“ mit höherem Brennwert) versorgt, das aus Norwegen, Russland und Großbritannien stammt. L-Gas dagegen wird vorwiegend in Teilen von Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt sowie in Bremen genutzt. Die Umstellung dieser Regionen – die sogenannte Marktraumumstellung – soll schrittweise bis zum Jahr 2030 erfolgen. Der Netzentwicklungsplan Gas (NEP Gas) und der Umsetzungsbericht der Fernleitungsbetreiber enthalten einen detaillierten Fahrplan für die Umstellung. Nach Angaben der Bundesnetzagentur hatten 2017 neun Netzbetreiber mit der Umstellung begonnen, die Anzahl steigt kontinuierlich. Die Kosten der Anpassungsmaßnahmen werden derzeit auf insgesamt etwa 2,2 Milliarden Euro geschätzt und auf Basis des §19 EnWG von Gasversorgern getragen. Sie haben jedoch die Möglichkeit, alle Aufwendungen im Rahmen der „Solidarisierung“ innerhalb des Versorgungsnetzes auf das gesamte Marktgebiet des Fernleitungsnetzbetreibers umzulegen. In den beiden Marktgebieten GASPOOL und NetConnect Germany (NCG) gilt seit 2017 eine einheitliche Umlage, die zusätzlich zu den Netzentgelten erhoben wird.

Jedes dritte Endgerät betroffen

Der Unterschied zwischen L-Gas und H-Gas liegt in der Qualität: H-Gas hat einen höheren Methangehalt und damit einen höheren Brennwert als L-Gas. Für den sicheren und effizienten Betrieb müssen gasbetriebene Geräte und Anlagen in privater und gewerblicher Nutzung – Gasthermen und Heizkessel, Gasherde und Kocher, Gasbrenner, Gasöfen, Gaskamine etc. – technisch für die jeweils verwendete Gasart ausgelegt sein. Ab 2019 werden Schätzungen zufolge jährlich allein bis zu 500.000 Heizgeräte auf H-Gas umgestellt, insgesamt werden es wohl mehr als fünf Millionen Geräte sein. Der Endkunde muss dabei nicht aktiv werden. Er erhält alle notwendigen Informationen von seinem Netzbetreiber, der auch die Umsetzung organisiert. Fachhandwerker, speziell in der Heizungstechnik, sollten sich aber frühzeitig informieren. So können sie Kunden, die Neuanschaffungen planen, mit Blick auf die neuen technischen Anforderungen und mögliche Zuschüsse gezielt informieren.

Durchgeführt wird die Umstellung von Mitarbeitern des Netzbetreibers und/oder beauftragten Fachunternehmen mit der notwendigen Qualifikation. Entsprechende Schulungen für Monteure bietet beispielsweise der DVGW an.

Die Umstellung

Rund ein Drittel aller gasbetriebenen Endgeräte muss angepasst werden, darunter über 500.000 Gasheizungen. Foto: shutterstock

Beim Kunden erheben die Monteure zunächst den Gerätebestand, überprüfen den ordnungsgemäßen Zustand der Anlage und ermitteln, ob und wie die vorhandenen Geräte umgestellt werden müssen. Die Bestandsaufnahme findet in der Regel etwa ein Jahr vor der eigentlichen Umstellung statt.

Sogenannte gasadaptive Gasverbrauchsgeräte, können sowohl mit L-Gas als auch H-Gas betrieben werden. Bei diesen Geräten muss keine Anpassung vorgenommen werden, lediglich eine Nachmessung nach dem Schalttermin wird empfohlen. Einige Heizungshersteller haben bereits begonnen, ihre Geräte mit einer intelligenten Verbrennungsregelung auszustatten. Diese erkennt Veränderungen der Gasbeschaffenheit und gleicht sie automatisch aus. Endkunden, die aktuell planen, ihre Heizung zu erneuern, könnten somit von derartigen Geräten profitieren. Für diese und alle anderen neu installierten Verbrauchsgeräte, die im Rahmen der Umstellung nicht mehr angepasst werden müssen, haben die Eigentümer gegenüber dem zuständigen Netzbetreiber zudem einen Kostenerstattungsanspruch in Höhe von 100 Euro.

Viele Bestandsgeräte können durch einen Wechsel der Gasdüsen für das energiereichere H-Gas ertüchtigt werden. Diese Gasdüsen befinden sich je nach Gerätetyp in der Gaszuleitung, als sogenannte Injektordüsen vor dem Brenner oder direkt im Verbrennungsraum. Bei manchen Geräten sind zusätzliche Einstellungen in der Geräteregelung vor- zunehmen, bei anderen an den Reglern der Gaszufuhr. Anschließend werden die Geräte an allen vorher geöffneten gasführenden Teilen auf Dichtheit überprüft und wieder in Betrieb genommen. Nach einer abschließenden Abgasmessung, werden die Geräte als „angepasst“ gekennzeichnet.

Welche technischen Maßnahmen genau erforderlich sind und welche Umrüstsätze dafür benötigt werden, ergibt sich aus den Erfassungsdaten – etwa Typenschild und Baujahr. In der DVGW-Gasgeräteanpassungsdatenbank finden sich für mehr als 17.000 Gasgeräte alle verfügbaren Informationen, die für die anstehende Umstellung von nieder- auf hochkalorisches Gas und die damit verbundenen Geräteumstellungen hilfreich sind. Diese umfasst neben Gerätenamen und -herstellern beispielweise Angaben zu Leistung, Belastung, Düsen, Umbauhinweise sowie Dokumentation. Betrachtet man die Größenordnung der betroffenen Geräte, wird deutlich, dass die Bereitstellung der Umbausätze und die Aktualisierung der DVGW-Gasgeräteanpassungsdatenbank eine enorme Herausforderung für die Gasgerätehersteller darstellen. Die Anbieter Bosch, Brötje, Buderus, Junkers, Vaillant, Viessmann und Wolf mit ihren einzelnen Marken haben sich eine freiwillige Selbstverpflichtung auferlegt, diese zwei Prozesse bestmöglich zu unterstützen. So streben sie die Bereitstellung der benötigten Umbausätze rückwirkend bis zu einem Zeitfenster von 30 Jahren zum aktuellen Bezugsjahr an. Überdies bieten alle genannten Hersteller Informations- und Servicepakete für das Handwerk an.

Experten gehen davon aus, dass nur wenige Geräte aufgrund ihres Alters oder ihrer Herkunft technisch überhaupt nicht angepasst werden können und damit komplett ausgetauscht werden müssen. Sofern es sich dabei um Heizgeräte handelt, steht dem Eigentümer gemäß §19a Absatz 3 Satz 1 des Energiewirtschaftsgesetzes abhängig vom Alter des Geräts eine Kostenerstattung zwischen 100 und 500 Euro durch den Netzbetreiber zu. Einzelheiten regelt die Gasgerätekostenerstattungsverordnung (Gas- GKErstV).

Der gesamte Prozess der Erfassung, der Anpassung sowie der abschließenden Qualitätskontrolle ist verankert im DVGW-Arbeitsblatt G 680 („Umstellung und Anpassung von Gasgeräten“).

 

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