Rekordprojekt EUGAL setzt neue Maßstäbe beim Netzausbau

Foto: GASCADE

Der Bau der neuen Erdgas-Pipeline hat begonnen. Dank innovativer Verfahren erfolgte die Planung in Rekordzeit.

Noch deckt die Förderung von Erdgas aus europäischen Quellen den innereuropäischen Bedarf. Doch die Reserven gehen zur Neige. Perspektivisch werden die Verbraucher verstärkt auf Importe angewiesen sein. Der europäische Netzentwicklungsplan 2017 geht für das Jahr 2035 von einer Importlücke von bis zu 183 Milliarden Kubikmetern aus. Zum Vergleich: Deutschland verbraucht derzeit rund 85 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Um diese Lücke von 100 Milliarden Kubikmetern langfristig zu schließen, müssen Flüssiggas (LNG) und zusätzliches Pipelinegas nach Europa gelangen. Einen Teil der künftigen Transport- und Kapazitätslücke soll ab Ende 2019 die Europäische Gasanbindungsleitung EUGAL ausgleichen. Auf einer Länge von circa 480 Kilometern führt sie vom Anlandepunkt der geplanten Pipeline Nord Stream 2 an der Ostseeküste bei Lubmin durch Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg bis in den Süden Sachsens und von dort zur deutsch-tschechischen Grenze. Direkte Verbindungen der EUGAL zu den bestehenden Ferngasleitungen JAGAL und NEL und eine indirekte Anbindung an die NETRA erhöhen dabei die Flexibilität des deutschen Ferngasnetzes.

Etwa 500 Rohre werden auf den Lagerplätzen entlang der Trasse gelagert. Foto: GASCADE

Innerhalb Deutschlands wird die EUGAL voll im Fernleitungsnetz integriert sein. Ebenso vernetzt sie die zentraleuropäischen Märkte mit dem Osten und Südosten Europas. Dies und die Verstärkung der Transportkapazitäten in Richtung Tschechien und Polen erhöhen die Versorgungssicherheit und Netz- stabilität im europäischen Binnenmarkt. Als zentrales Element einer europäischen Energiedrehscheibe soll EUGAL so auch zu einem harmonisierten Erdgashandel in der EU beitragen. Temporäre Spitzenlasten können aufgefangen, nationale Preisunterschiede abgebaut werden. Die Erdgasversorgung im Herzen Europas soll robuster und unabhängiger gegenüber einzelner Lieferanten werden.

Bau und Betrieb durch GASCADE

Die neue Leitung ist ein Gemeinschaftsprojekt der deutschen Fernleitungsnetzbetreiber GASCADE Gastransport GmbH, Fluxys Deutschland GmbH, Gasunie Deutschland Transport Services GmbH und ONTRAS Gastransport GmbH. GASCADE als Projektträger hält 50,5 Prozent der Anteile, die drei weiteren Anteilseigner halten jeweils 16,5 Prozent an der EUGAL. GASCADE wird den Bau und zukünftigen Betrieb der EUGAL durchführen. Das Unternehmen mit Sitz in Kassel betreibt ein rund 2.400 Kilometer langes Fernleitungsnetz sowie deutschlandweit neun Verdichterstationen. Die Infrastruktur ist im Osten mit dem polnischen und tschechischen Gastransportnetz verbunden, im Westen mit dem niederländischen und belgischen. Daneben betreibt GASCADE im Dienstleitungsauftrag auch die Infrastruktur von Schwestergesellschaften, OPAL und NEL– Gastransportleitungen, die mit einem Durchmesser von 1,40 Meter und einem maximalen Betriebsdruck von 100 Bar bis dato Superlative in Westeuropa sind. Sie führen das von der Ostseeleitung Nord Stream in Lubmin bei Greifswald ankommende Erdgas in südlicher Richtung über rund 470 Kilometer gen Tschechien (OPAL) sowie in westlicher Richtung über rund 440 Kilometer zum Erdgasspeicher Rehden (NEL) bei Bremen. Mit dem neuen Großprojekt EUGAL schließt GASCADE somit an große Erfahrungen in der Planung und im Bau von Transportleitungen in diesen Dimensionen an. Dabei gibt es für die Techniker und Ingenieure der GASCADE eine weitere Herausforderung: Bis Ende 2019 soll das erste Gas über die EUGAL durch den dann fertig gestellten ersten Pipelinestrang von Lubmin bis zur tschechischen Grenze fließen. Ein Jahr später soll dann auch der zweite Strang nutzbar sein.

Foto: GASCADE

Innovation bei Planung und Bau

Die Planung von Infrastrukturprojekten dieser Größenordnung stellt die Planungsteams heute vor besondere Anforderungen, wie Dipl. Ing. Bernd Vogel, zuständig für das Ressort Netz bei GASCADE, erläutert: „Die Genehmigungsanforderungen steigen, die Einbeziehung der Öffentlichkeit und Berücksichtigung der Bürgerinteressen nimmt zu, die Terminpläne werden enger. Demgegenüber nehmen die Lieferzeiten für Komponenten und Materialien zu, es herrscht intensiver Wettbewerb um die Ressourcen von Baufirmen, Spezialisten, Fachkräften, etc.“ Den Verantwortlichen bei GASCADE war daher klar: Um diese Anforderungen bewältigen zu können, mussten schon am Anfang des Projekts Planungsprozesse effizienter werden. Innovative IT-Anwendungen unterstützen dabei zunehmend die tägliche Arbeit. „In Summe vollzieht sich dabei ein stetiger Wandel in Richtung Industrie 4.0“, fasst Bernd Vogel zusammen. Das Ergebnis spricht für sich: Die Planung von EUGAL konnte in einer Rekordzeit von unter zwei Jahren abgeschlossen werden, so dass im Sommer in ersten Abschnitten mit den Arbeiten begonnen werden konnte.

Hochauflösende Befliegungsdaten für Planung und Bau

Dieser Erfolg ist nicht zuletzt einer konsequenten Digitalisierung zeitkritischer Abläufe geschuldet, die eine effiziente Planung und Durchführung des Mammutprojekts wesentlich unterstützten. So wurden für die Trassierung der Pipeline Befliegungsdaten genutzt. Ein Helikopter beflog in etwa 400 Metern Flughöhe den Trassenkorridor und nahm dabei über einen an Bord fest installierten Laserscanner in dem fest definierten Korridor das 3D-Geländemodell auf. Die Genauigkeiten liegen dabei bei +/- 10 Zentimetern in allen drei Achsen. Für die Befliegung der rund 480 Kilometer langen EUGAL benötigte man ungefähr zwei Wochen. Die riesigen Datenmengen, die dabei entstanden, wurden dann mit entsprechend leistungsfähigen Rechner- und Softwaresystemen aufbereitet und weiterverwendet.

Genutzt wurden die Befliegungsdaten etwa zur generellen Trassenfindung oder insbesondere auch zur Ausarbeitung von Varianten in schwierigen Trassenabschnitten wie etwa Kreuzungsbereichen, Gewässern oder Naturschutzgebieten. Bernd Vogel erläutert den Nutzen der neuen Verfahren: „In Kreuzungsbereichen können die konkreten Baufelder, zum Beispiel bei Pressgruben, realitätsnäher geplant werden. Auch bei der Genehmigungsplanung oder im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit bietet die Visualisierung der Trasse viele neue Möglichkeiten, da mit den Daten und Bildern ein Höchstmaß an Transparenz erzielt werden kann. So kann betroffenen Anwohnern oder Grundeigentümern bei Informationsveranstaltungen durch eine 3D-Trassenvisualisierung sehr anschaulich gezeigt werden, wie die Trasse konkret verläuft. Gegenüber den ‚normalen‘ Leitungskarten ist dies wesentlich anschaulicher und einfacher nachzuvollziehen.“

Die hochauflösenden Befliegungsdaten aus der Trassenplanung werden in der Bauphase auch für die Überdeckungsermittlung sowie Lagekontrolle bei der Verlegung der Pipelinestränge verwendet. Zur Leitungsdokumentation werden am offenen Rohrgraben, also vor der Verfüllung, alle Schweißnähte satellitengestützt eingemessen. Dabei werden dem Vermesser am Einmesspunkt sowohl die ursprünglichen Höhendaten des Geländes aus der Befliegung als auch der geplante Verlauf der Leitungsachse angezeigt. Somit kann noch unmittelbar vor Ort, vor der Freigabe zur Verfüllung des Rohrgrabens, festgestellt werden, ob die Überdeckung ausreichend ist und ob sich die Lage der Leitung innerhalb des Toleranzbereiches befindet.

Höchste Transparenz in der Rohrlogistik

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Für das EUGAL-Projekt werden rund 47.000 Rohre mit einem Durchmesser von circa 1,40 Metern benötigt. Jedes der einzelnen Rohre ist 18 Meter lang und rund 15 Tonnen schwer. Die Rohre kommen vom Werk per Zug auf Bahnhöfe nahe der Trasse und werden vom Bahnhof aus auf sogenannte Rohrlagerplätze entlang der Trasse transportiert. Auf jedem Rohrlagerplatz liegen dann trassennah im Schnitt 500 Rohre, die bei Baubeginn nach Abtragen des Mutterbodens auf die Trasse gefahren werden. Dank guter Planung und Logistik sind bereits alle benötigten Rohre des ersten Stranges vor Ort eingetroffen.

Für die Rohrlogistik setzt GASCADE bei dem EUGAL-Projekt erstmalig ein selbstkonzipiertes Rohrbuchdatenmanagementsystem ein. Jedes der Rohre wird werkseitig mit QR-Codes versehen, auf denen die wesentlichen Kenndaten des Rohres gespeichert sind. Beim Eintreffen auf dem Rohrlagerplatz werden die Rohre mit einem Handscanner erfasst und mit den GPS-Daten in einem „Data Warehouse“ zentral gespeichert. So kann beispielsweise jederzeit festgestellt werden, welche Rohre sich auf welchem Lagerplatz befinden oder wo ein konkretes Rohr liegt. Im weiteren Ablauf werden vom Lieferanten werksseitig alle Materialdaten und Zeugnisdaten eines Rohres über eine Datenschnittstelle in das „Data Warehouse“ automatisiert eingetragen. Bernd Vogel: „Sämtliche Informationen zu einem Rohr sind per Knopfdruck verfügbar, das aufwändige Suchen in verschiedenen Dateien oder Ausdrucken entfällt.“ Das Rohrbuchdatenmanagement wird derzeit intensiv mit dem Ziel, ein „elektronisches Rohrbuch“ daraus erstellen zu können, weiterentwickelt. Letztlich sollen alle Prozesse, von der Planung über den Bau bis hin zum Betrieb ohne Medienbrüche, also ohne manuelles Übertragen oder Eintragen von Informationen oder Daten von einem Schritt in den nächsten, erfolgen.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen: Auch das klassische Geschäft der Planung und des Baus von Gasfernleitungen ist hochinnovativ. Bei den betrieblichen Prozessen sind derzeit viele dynamische Entwicklungen im Gange – ein wichtiges Beispiel ist das Asset Management, bei dem die Datenerfassung, -aufbereitung und -auswertung derzeit zunehmend auf die zustandsabhängige Instandhaltung (etwa von Gasturbinenverdichtern) ausgerichtet wird. In anderen Bereichen, wie dem physischen und vertraglichen Dispatching oder dem Kapazitätsmanagement mit enormen Datenmengen und kurzen Zeitintervallen, sind die Geschäftsprozesse bereits hochautomatisiert.

Kontakt: GASCADE Gastransport GmbH, Dipl.-Ing. Bernd Vogel, 34119 Kassel, Tel. +49 561 3636, kontakt@gascade.de

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